Ein Licht der Hoffnung aus den Slums von Kampala

Der altheimer Verein „Fokus Leben e.V.“ bietet 186 Straßenkindern Schutz und eine Perspektive für ihre Zukunft

An anderer Stelle haben wir bereits über das Slumkinderprojekt des Vereins "Fokus Leben e.V."
berichtet, das in der Hauptstadt Ugandas, in Kampala, existiert. Vor 13 Jahren gründete er ein Waisenhaus für 56 ehemals drogenabhängige Kinder und Jugendliche. Seit 3 Jahren gibt es einen Kindergarten mitten im Slum. Dort werden 133 Kinder erzieherisch und medizinisch betreut und entkommen so dem täglichen Kreislauf von Gewalt, Drogen und Prostitution. Vor einem halben Jahr kaufte der Verein mithilfe von Spendern 3 Hektar Land. Um den steigenden Lebenshaltungen zu entgehen, soll ein Hektar für den Anbau von Früchten und Gemüse verwendet werden. Auf dem restlichen Land soll eine Grundschule und das neue Waisenhaus entstehen, in welches die Kinder aus der Stadt einziehen sollen. Der Ulmer Kinderpsychotherapeut Ronald Makowitzki war auf Einladung des Vereines 2 1/2 Wochen vor Ort, um sich einen Eindruck von der Entwicklung des Projektes zu machen.

 

"Heute ist "Visitors-Day" im Kindergarten. Der einzige Besucher bin ich. Der Kindergarten ist ein grob gezimmertes Holzhaus mit einer Grundfläche von 120 Quadratmetern. Der Verein wollte ein gemauertes Haus auf dem Grundstück bauen, doch die Behörde hat dies mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt. Nur mit Bestechung ist eine Baugenehmigung zu erhalten, und da der Verein dies grundsätzlich ablehnt, muss er mit dieser Notlösung leben. Die Kinder machen einen gesunden, gut betreuten Eindruck und sind gut erzogen. Als sie nach dem Gottesdienst gegangen sind, sitzen wir im Kreise der Mitarbeiter. Die Pastorin, Frau Rhona Musaazi stellt mich der Runde vor.
Nacheinander stellen sich die Mitarbeiter vor. Da ist die 78-jährige Miriam, die "Oma" für alle Kinder.
Sie hilft den Kleinen bei der Eingewöhnung und schlichtet immer Streit, oder ist einfach nur für die Kinder da. Ihre Tochter ist an Aids gestorben und sie betreut in ihrer Hütte das Enkelkind. Sie bedankt sich sehr dafür, dass Frau Leykauf, ihre Miete und die dringend benötigten Medikamente bezahlt. Dann meldet sich Justine. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Kindern. sie hat ihr kleines Kind von Anfang an in den Kindergarten mitgenommen, woraufhin die Mütter aus dem Slum sich ermutigt sahen, ihr eigenes Kind dorthin zu schicken. Justine leitet auch noch das Waisenhaus, in welchem sie auf engstem Raum mit ihren Kindern lebt. Mit ihrem Verdienst geht sie abends an die Universität und studiert Verwaltungswissenschaften. Dann meldet sich der 19-jährige Akram zu Wort. Er ist der Leiter der Suppenküche und kocht jeden Tag für 130 Kinder. Er setzt zu einer bewegenden Rede an. Er war als Kind schwerstabhängig von Kerosin und Klebstoff, wurde dreimal ins Waisenhaus aufgenommen, lief immer wieder weg, wurde rückfällig und schaffte es schließlich. Er scheut sich nicht seiner Dankbarkeit unter Tränen zum Ausdruck zu bringen. Nur dank der Hilfe von Pastorin Musaazi, Frau Leykauf und den Spendern des Vereines sei er überhaupt noch am Leben. Eine Woche später sitzt er bei einem Mitarbeiteressen erstmals in einem guten Restaurant. Er hält zum ersten Mal in seinem Leben Messer und Gabel- falsch herum- in seinen Händen. Alle lachen, auch er. Und er weint ohne Unterlass vor Rührung und Freude, weil sich sein Leben so gewandelt hat. Er will nun erfolgreich im Leben sein und gibt sich den Beinamen "Billionaire", denn er will Millionär werde.

Wir sind auf dem neuen Stück Land, 30 Kilometer außerhalb der im Smog und Stau versinkenden Stadt Kampala. Der Verein hat ein wunderschönes Stück Land in völliger Ruhe gekauft. Der Boden ist fruchtbar; alles wächst und gedeiht fast von alleine. Die Vorsitzende des Vereines, Frau RobinahaLeykauf und Herr und Frau Musaazi, schaffen in 10 Tagen das nahezu Unmögliche. Mir wird Sam vorgestellt. Er ist Baunternehmer, hat 150 Angestellte und kann sich vor Aufträgen nicht retten. Doch für "Fokus Leben" lässt er alles stehen und liegen und hilft, wo er kann. Umsonst. Er macht uns klar, dass wir zunächst das Land nochmal genau vermessen und dann schnellstmöglich einzäunen müssen. Bis in die Dunkelheit hinein laufen wir kreuz und quer über das Gelände und vermessen es. Ich lerne Toni kennen, einen jungen Pastor, der schon jahrelange Erfahrung als Leiter des Waisenhauses hat, kennen. Wie alle Mitarbeiter wirkt er auf mich kompetent und motiviert, brennt für das neue Projekt und übernimmt viel Verantwortung. Bereits am nächsten Tag hat er Jugendliche aus dem Waisenhaus rekrutiert. Innerhalb von nur einer Woche wird das ganze Gelände von ihnen eingezäunt. Parallel dazu wird das erste Klassenzimmer gebaut. In nur 10 Tagen ist der Rohbau mit Dach fertig. Nebenher verbringen Frau Musaazi und Frau Leykauf viele Stunden auf Behörden, um die fehlerhaft vollzogene Grundbucheintragung zu korrigieren, sorgen für Materialnachschub auf der Baustelle, stellen Bauarbeiter für den Bau eines Plumpsklos ein, und und und.....Doch nach zwei Wochen ist alles geschafft.
Ich konnte mich davon überzeugen, dass der Verein "Fokus Leben e.V." vor Ort über ein hochmotiviertes Team von kompetenten Mitarbeitern verfügt. Jeder Cent wird sehr verantwortlich seiner Bestimmung zugeführt und zum Besten der Kinder verwendet.

 

Im Vorfeld meiner Reise haben wir überlegt, wie ich mich sinnvoll in das Projekt einbringen kann.
Es entsteht die Idee, einigen Kindern Klavierunterricht zu geben. Und so fange ich mit drei Schülern und einem Keyboard an. Obwohl die Rahmenbedingungen langfristig alles andere als optimal sind, um voranzukommen, will ich, dass die Kinder ihre Träume und Ziele, die sie mit dem Klavierspiel verbinden, an die Tafel schreiben, bevor wir richtig mit dem Unterricht anfangen. Nach einigem Zögern geht der 21-jährige Edrin an die Tafel und schreibt „Pianist“ hin. Als ich ihn frage, für welche Gelegenheiten er denn Pianist werden will, meint er nur: “für alle“. Edrin spielt ebenfalls eine tragende Rolle im Kindergarten. Er hat einen Kinderchor und verschiedene Tanzgruppen von Kindergartenkindern, mit denen er eigene Choreographien einstudiert, die mich sehr beeindruckt haben. Der 11-jährige Enock träumt davon, Musiklehrer zu werden, und die schüchterene 13-jährige Sylvia gesteht sich und uns schließlich nach langem Zögern ein, dass sie Kirchenmusikerin werden will. Ich freue mich, wie die Kinder sich ein wenig mehr mit ihren Träumen offenbaren und will es jetzt aber genau wissen: “mir fällt auf-keiner von euch will Komponist werden - stimmt das wirklich?“ Enocks Blick geht verschämt zu Boden, Edrin meint, da müsse man doch erst viel lernen…..und Sylvia sagt gar nichts. Ich ermutige sie, ihren Träumen erst einmal freien Raum zu geben, und dann wird klar-Enock träumt davon, einen tollen Song zu komponieren und Edrin springt plötzlich auf, geht an die Tafel und fängt an, einen Songtext an die Tafel zu schreiben: „Lord I want to know you, every night and every day…..“ Dieser spontane kreative Ausbruch steckt mich sofort an, ich setze mich ans Keyboard und mir fällt eine Melodie zu diesem Text ein. Innerhalb kurzer Zeit steht das grobe Konzept für diesen Song. Wir singen gleich den ersten Teil des Songs, legen ihn dann beiseite und beginnen mit dem Klavierunterricht. Jeden Tag arbeiten wir drei Stunden. Das Ziel ist klar: jedes Kind will seinen Lieblingssong auf dem Keyboard begleiten können. Mit viel Fleiß und Ausdauer schaffen wir das. Pastor Musaazi hat bereits von unserem Song gehört und mich gefragt, ob wir ihn nicht am Sonntag bei der Messe uraufführen wollen. Doch- er ist noch nicht fertig, und es ist schon Donnerstag. Am Sonntag nach der Messe fliege ich zurück nach Deutschland.
Ich beschließe, die letzte Unterrichtseinheit mit der Fertigstellung des Songs zu verwenden. Und siehe da- wir schaffen alles am Freitag! Pastor Musaazi gibt uns am Sonntag die Ehre, den Liedertext für seine Predigt zu verwenden, wir treten vor der Gemeinde auf, und schließlich singen alle mit.
Was für ein schöner Abschluss für unsere Arbeit und für meine Reise nach Uganda!“